

Leseraum für das Gedicht The Glass Essay von Anne Carson
Video Installation
Konzept: Nicola Caroli, Video: Joanna Kane
06. - 29. November 2009, wortwedding, Berlin
In The Glass Essay von Anne Carson besucht die Erzählerin nach einer gescheiterten Liebesbeziehung ihre Mutter auf dem Land. Bei ihren einsamen Spaziergängen in der wilden Moorlandschaft und Gesprächen mit ihrer Mutter in der Küche, verknüpft die Erzählerin eigene Erinnerungen mit dem Leben und Werk Emily Brontës.
Die Poesie Vermittlerin Nicola Caroli und die Fotografin Joanna Kane haben einen Raum und ein Lesezimmer für das Gedicht geschaffen. Das Lesezimmer plaziert den Besucher symbolisch in die Handlung von The Glass Essay, die hauptsächlich zwischen der Küche der Mutter und dem Moor stattfindet. Die Schnittpunkte von innen und aussen sind wie Sprungbretter für den Erzählfluß des Gedichts. Emily Brontë ist in Form ihrer Bücher präsent. Das Video ist von dem wiederkehrenden Motiv der Moorlandschaft in The Glass Essay inspiriert, das sich auch auf Emily Brontë's Wuthering Heights und ihre Gedichte bezieht. Joanna Kane versetzt die Moorlandschaften der Brontë's in Yorkshire und die von Carson's im hohen Norden Kanadas in eine der größten Moorlandschaften Schottlands, Rannoch Moor, bei Glencoe.
Das kontinuierliche Video Material (im Zeitraffer) wurde von einer fixierten Kameraposition aus über 4 Tage im März 2006 bei Rannoch Moor gefilmt. Die 4 Tage entsprechen dem Zeitrahmen der Handlung von The Glass Essay. Kane erforscht damit wie sich der sprachliche Ausdruck von Zeit und Raum in einen visuellen Ausdruck mit zeitbasierten Medien übersetzen lässt. Die Fläche und Weite der Moorlandschaft scheinen ein Index von Zeit selbst zu sein, während das Video den Zeitverlauf über dieser Leere zeigt.
Anne Carson (geboren in Toronto, Ontario, 1950) ist eine kanadische Dichterin und Professorin der Altphilologie und vergleichender Literaturwissenschaft. Sie behandelt Ideen und Themen dieser Disziplinen, modernisiert Griechische Mythen oder bezieht sich auf antike Philosophie in ihren Gedichten und Essays. In ihren Büchern vermischt sie die Formen Poesie, Essay, Prosa und Non-fiction. Anne Carson hat mehrere Preise und Fellowships erhalten, u.a. den Pushcart Prize, den T.S. Eliot Prize, die MacArthur Fellowship und die Guggenheim Fellowship.
Gedichtauszug
"It's stunning, it is a moment like no other,
when one's lover comes in and says I do not love you anymore.
I switch off the lamp and lie on my back,
thinking about Emily's cold young soul.
Where does unbelief begin?
When I was young
there were degrees of certainty.
I could say, Yes I know that I have two hands.
Then one day I awakened on a planet of people whose hands
occasionally disappear -
From the next room I hear my mother shift and sigh and settle
back down under the doorsill of sleep.
Out the window the moon is just a cold bit of silver gristle low on
fading banks of sky.
Our guests are darkly lodged, I whispered, gazing through
The vault.."
(from The Glass Essay. Glass, Irony, and God, New Directions, 1995)