

Konzept
Nicola Caroli & Jeanette Sendler
Regie, Text, Stimme
Nicola Caroli
Performance, Choreographie
Esther Nicklas & Sigrid Westenfelder
Licht
Frank Vetter
Ton
Pablo Juanes
Ausstattung
Sönke Hoof
Projektkoordination, Produktion
Catherine Launay
Danke an Boris Baltschun, Thomas Charbonnel, Susanne Held, Colette Sadler und Karin Wickenhäuser für ihr Mitwirken.
Eine Produktion von emerging properties in Koproduktion mit Schloss Bröllin e.V., gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg Vorpommern und mime centrum Berlin
Uraufführung Brotfabrik, Berlin, 2004
Eine Art Geduld ist der letzte Teil des Ghost Letters Performance Zyklus (1999-2006) von Nicola Caroli und Jeanette Sendler, basierend auf
dem Gedichtband Ghost Letters von Richard McCann. Die Worte “Eine Art Geduld” sind ein Zitat aus dem letzten Gedicht Banners, in dem Richard
McCann auf seine Erfahrungen mit dem Sterben seines Freundes und seiner eigenen Trauer zurückblickt: “Trauer schien eine Art Geduld zu sein,
die ich lernen sollte”.
Für die Performance Eine Art Geduld betrachten Nicola Caroli und Jeanette Sendler erneut den Titel des Gedichtbandes: Ghost Letters, Geisterbriefe.
Was passiert da eigentlich? Der Dichter möchte Kontakt aufnehmen mit dem Verstorbenen. Er schreibt ihm Briefe. Dabei berührt er und wird berührt von
Papier, dem Schreibinstrument, dem Tisch und dem Stuhl.
Nicola Caroli beschäftigt sich für die Performance mit der inneren und äusseren Bewegung des Schreibens und schreibt Briefe an ihren toten Vater. Jeanette Sendler fokussiert Papier als Material und schöpft Papier aus Heilpflanzen wie Kamille und Schafgarbe. Die Performerinnen Esther Nicklas und Sigrid Westenfelder übernehmen diese beiden Rollen und choreographieren den Prozess des Schreibens und des Papierschöpfens. Der Musiker Pablo Juanes sammelt Schreibgeräusche und die Geräusche der Performance für seine elektronische Komposition. Die Performance verbindet die Erinnerung an eine Person mit der Entstehung eines Textes, die Entstehung eines Materials mit der Erinnerung an seinen Ursprung.
Text von Nicola Caroli zur Performance
“Man schreibt so gut, wie man zuhören kann. In der Performance korrespondieren die Geräusche des Schreibens und die Bewegung der Performerin in der Rolle der Briefeschreiberin exakt, da sonst die Bewegung theatralisch wirken würde. In dem Moment, wo die Bewegung theatralisch wirkt, reagiert der Zuschauer darauf, was die Performerin ihm zeigt. Der Zuschauer befindet sich dann nicht mehr in einem Zustand des Hörens - das dem Bereich des Seins zugehörig ist -, sondern wird in einen Zustand von Aktion/Reaktion gebracht.
Keines der Elemente der Performance enthält eine Spur von Persönlichkeit, am Ende der Briefe z.B., hat der Zuschauer nicht den Eindruck, den Vater oder die Tochter kennen gelernt zu haben, sie haben nicht einmal einen Namen. Die Erzählerin ist als körperlose Stimme präsent. Die Performerinnen scheinen keine Geschichte zu haben, sie verschmelzen teilweise mit den Objekten im Raum, die da sind, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Die Aufgabe der Papiermacherin ist das Tun, die Aufgabe der Schreiberin ist das Zuhören. Die Geräusche, die die Performerinnen produzieren, live und elektronisch von Pablo Juanes reproduziert, betonen die Ausübung ihrer jeweiligen Aufgabe. Alles im Raum ist objektiviert, selbst der Zuschauer, der an den Rand der Bühnenobjekte platziert wird. Seine Aufgabe ist es, Zeuge der Aufgaben der Performerinnen zu sein, sichtbar und unsichtbar: schreiben, bewegen, Papier machen, sprechen, zuhören.
Der Text ist poetisch, eher als narrativ oder dramatisch, die Performerinnen sind dem Zuschauer kein Spiegel. Die Performance schafft so einen Raum, eine Leere, in der der Zuschauer seine eigene Wahrnehmung erfahren kann und sich neue Assoziationen zu seiner eigenen Geschichte zeigen können.”
05. und 06. April 2008, Druckstelle, Berlin
Juli 2005, Kunstladen, Berlin
Juli 2005, Galerie der Künste, Berlin
Februar 2005, Festival 100°, Berlin
November 2004, Galerie space untitled, Berlin
Oktober 2004, Brotfabrik, Berlin
"Es braucht Zeit, bis die Worte kommen. Es wird Papier gemacht, der Tisch steht da, aber es braucht Zeit.
Die Stimme ist klar und ruhig, wie das Licht.
Die Erzählerin rezitiert einen Brief an ihren Vater.
Sie beschreibt dieses Foto von ihm, wo er Klavier spielt; seine Freundin Edith sitzt neben ihm, aber sie ist nicht im Bild. Die Erzählerin sagt ihrem Vater, wie sie von seinem Tod erfahren hat, und was darauf folgte: die Reise per Flugzeug, die Kirche, die Fotos, die sie gefunden hat, die Besuche bei seinen Freunden.
Der Tisch hat sich berühren lassen, man sieht aber, dass anziehende und abwehrende Kräfte am Werke sind.
Ein Stift raschelt auf Papier. Es wird Papier gemacht, immer weiter, wie bei einer Sisyphusarbeit.
Die klaren, sicheren Gesten sind beruhigend, wie die Stimme. Die Gefühle, die Unsicherheiten wurden auf dem Tisch zurückgelassen und nicht auf das Papier übertragen.
Die Worte sind frei von Sentimentalität, von Urteilen. Die Erzählerin sagt, wie es war, nicht mehr als was sie weiß, nicht mehr als das, was da ist. Und die Kraft der Poesie eröffnet uns das Mysterium, wo es keine Lösungen und keine Antworten gibt. Es wird Papier gemacht." Séverine, September 2005