es tun sich meine innren Blicke auf

es tun sich meine innren Blicke auf
Leseraum zu vier Gedichten aus Weibliches Bildnis von Gertrud Kolmar

Nicola Caroli & Joanna Kane

09. - 31. Oktober 2010
wortwedding - Prinzenallee 59 - 13159 Berlin

Konzept & Installation
Nicola Caroli
Fotografie & Installation
Joanna Kane
Stimme
Barbara Dahlinger
Tonschnitt
Marie Chartron
Grafik
Johanna Sasse
Graphic Design
Johanna Sasse

Danke an
Judith Gaida, Ariadne Ghabel, Catherine Launay, Remo V. Lotano, Vanessa Mildenberg, Jörg Richter und Jeanette Sendler.

Konzept

Der Gedichtband Weibliches Bildnis (1938) umfasst 51 weibliche Bildnisse, z.B. Die Tänzerin, Die Irre, Die Landstreicherin... Sie sind Facetten, Bilder ihrer selbst. Die Bilder sprechen von Außenseitern, Unterdrückten und Stummen mit denen sich Kolmar identifizierte und solidarisierte - als Frau, als Dichterin und als Jüdin. Die Rollen, in die sie schlüpft, transzendieren das Autobiographische mit einer unverwechselbaren poetischen Sprache. Das Besondere daran liegt in den fantasiereichen Metaphern und der Körperlichkeit und Räumlichkeit, mit der sie eine Begegnung zwischen sich und ihrem Leser hervorruft.

Kolmar schrieb viele ihrer Gedichte in Zyklen, die ihrer expansiven Metaphorik Raum, aber auch Form und Halt gaben. Sie teilte Weibliches Bildnis in vier "Räume" ein, eher als in Kapitel oder Teile. Man spürt förmlich wie sie diese Räume durchwandert, auf der Suche nach sich selbst, sich zusammensetzt und ihre Identität aufbaut.

Die Poesievermittlerin Nicola Caroli wählte von jedem "Raum" ein Gedicht aus, das ein Kernthema von Gertrud Kolmars Leben behandelt. Die Dichterin vom ersten Raum behandelt ihre existentielle Beziehung zur Poesie, Die Sünderin vom zweiten Raum ihre unbefriedigende Beziehung zu ihrer Mutter und ihre Sehnsucht nach Einheit und Mutterschaft, Das Tier vom dritten Raum ihr extremes Mitgefühl für alle Lebewesen und Die Einsame vom vierten Raum ihre Beschäftigung mit dem Blick, sehen und gesehen werden.

In es tun sich meine innren Blicke auf sind die vier Räume zugeteilte Bereiche in einem real existierenden Raum. Jeder der vier Räume bietet eine sinnliche Erfahrung an. Der erste Raum dient als Einführung in die Welt der Dichterin, der zweite Raum ist ein Hörraum, der dritte ein Berührungsraum und der vierte ein visueller Raum. Für den vierten Raum arbeitete Nicola Caroli mit der bildenden Künstlerin Joanna Kane zusammen.

es tun sich meine innren Blicke auf bietet einen Einblick in Kolmar's einzigartige poetische Welt durch eine räumliche und sinnliche Erfahrung der vier Gedichte.

Statements der Künstlerinnen

"Die Lebendigkeit von Kolmars Dichtung kommt von ihrem dringendem Bedürfnis ihr Gefühl von Isolation auszudrücken und zu transformieren. In ihren Gedichten und Gedichtzyklen gestaltet sie einen inneren Raum, in dem sie sich ausweiten und neu erfinden kann. Dieser innere Raum steht im Gegensatz zu ihrer tatsächlichen Umgebung: die Ablehnung der Mutter, eine patriarchale, bourgoise Erziehung, eine unglückliche und schandhafte Liebesaffäre und Vertreibung durch den Nationalsozialismus. Mit es tun sich meine innren Blicke auf möchte ich Kolmars Sensibilität einen physischen Raum und dem Besucher einen greifbaren Eindruck ihrer Welt anbieten."     Nicola Caroli

"Für eine bildende Künstlerin ist die Ausseinandersetzung mit Kolmars Dichtung ein Paradoxon. Denn, gerade weil sie farbenprächtig und visuell evokativ und verführerisch ist, macht sie das Visuelle redundant.

Im vierten Raum werden die Elemente der Fotografie auf die Grundlagen von Licht und Schatten reduziert. Der Fokus ist ein opaker Spiegel mit projizierten Bildern, die Licht, Bewegung und die Schatten von Blattwerk andeuten. Der Spiegel kehrt die Erwartungen an einen Spiegel als reflektierenden Rahmen für das Selbst und als Fenster, durch das man über das Selbst hinausschauen kann, um. Er zwingt den Blick dazu nach innen zu gehen. Die projizierten Bilder auf dem Spiegel beziehen sich auf Kolmars verlorenes Paradies Finkelkrug, dem wohlhabenden Vorort Berlins, welches Kolmars zu Hause war bis zur Vertreibung ihrer Familie in 1938."     Joanna Kane

Biographien

Nicola Caroli ist Poesievermittlerin. Ihre beiden Ausbildungen - Schauspieltraining an der Royal Academy of Dramatic Art und Master of Fine Arts in Kreativem Schreiben -Poesie, verband sie zum ersten Mal in 1998 bei ihrer ersten Regiearbeit einer Poesieperformance. Seitdem gestaltet sie Räume für Poesie, in Form von Performance bis 2008 unter dem Namen emerging properties. Seit 2009 co-organisiert sie das Poesiefestival Printemps des Poetes, Berlin und leitet wortwedding - Laden für Poesieprojekte. Sie ist seit 2005 auch als Poesievermittlerin in Schulen tätig. Derzeit entwickelt sie Konzepte für Poesievermittlung mit Poem Space Mobil und in wortwedding. www.nicolacaroli.com

Joanna Kane ist eine bildende Künstlerin aus Edinburgh, mit dem Schwerpunkt Photographie, Video und digitale Medien. In ihrer Arbeit kombiniert sie traditionelle oder historisch inspirierte photographische Herangehensweisen mit digitaler Technik. Ihr Photographieprojekt, The Somnambulists, Photographien einer Serie von Lebendmasken, wurde in der Hayward Gallery als Teil der Gruppenausstellung The Russian Linesman, kuratiert von Mark Wallinger (2009), als Einzelausstellung in der Scottish National Portrait Gallery (2008), und beim European Month of Photography in Bratislava (2007) gezeigt. Derzeit touren The Russian Linesman und ihre neuesten Photographien Re-Cognitions und Data Profiles in der Gruppenausstellung Photo-ID, Photography, Science and Identity in Großbrittanien. www.joannakane.co.uk

Gertrud Kolmar wurde in 1894 als älteste Tochter in eine jüdische Rechtsanwaltsfamilie in Berlin geboren. Sie erlernte mehrere Sprachen und war als Dolmetscherin und Erzieherin tätig. Als ihre Mutter 1930 starb, übernahm sie den Haushalt und war als Sekretärin für ihren Vater tätig. Sie veröffentlichte zahlreiche Gedichte in Zeitungen und Anthologien, hielt sich aber den literarischen Kreisen Berlins fern. Nach 1933 blieben Kolmar und ihr Vater als einzige Familienangehörige in Deutschland zurück. 1938 wurden sie evakuiert und in einem "Judenhaus" in Berlin Schöneberg angesiedelt. 1941 wurde Gertrud Kolmar zur Zwangsarbeit in einer Rüstungsfabrik verpflichtet, 1943 wurde sie in Auschwitz ermordet.

Zitat

aus Die Dichterin, Weibliches Bildnis, dtv, 1987

"Du hälst mich in den Händen ganz und gar.

Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust. Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.
Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,

Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm
Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,
Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,
Und ist ein Ding und hat ein Dinggeschick.

Und ward verschleiert doch gleich einer Braut,
Und ward geschmückt, daß du es lieben magst,
Und bittet schüchtern, daß du deinen Sinn
Aus Gleichmut und Gewöhnung einmal jagst,..."

Termine

Oktober 2010, wortwedding

Öffnungszeiten

Freitag - Samstag, 14 -18 Uhr
10., 15., 16., 17., 22., 23., 24., 29., 30., 31.10.
29.10. zusätzlich von 19 - 22 Uhr

Vernissage 09. Okt., 19 Uhr

work in progress showings:
Februar 2008, Festival 100° Berlin
September 2007, Schwelle 7

Zuschauerreaktion

"I could not read the poems so well (I'm not German), but I think the fact that you are undressing yourself before getting in works very strong.
You could be me.
I could be you.
I leave something behind in order to reach you.
I leave myself or better "my outside-self" in the other room.
I could have been there very long and at the same time you want to leave.
You feel a little bit different when you come out. Thanks."
Janice, Februar 2008.

Impressum | Aktueller Stand: 03.09.2011 | © Nicola Caroli