

Das performative Moment in Looking for Anne.
In dem Titel der Inszenierung Looking for Anne werden bereits die Anliegen, die ein Teil der Konzeption von Nicola Dahlinger sind, evident. Es handelt sich dabei einerseits, um die Konfrontation mit der Dichtung von Anne Carson – hier speziell um The Glass Essay . Gleichzeitig tritt ein anderes Anliegen zu Tage, welches Dahlinger an den Besucher stellt: Er ist gefordert, sich auf eine forschend suchende Reise zu begeben, die sowohl zeitlicher als auch räumlicher Natur ist.
In einer Inszenierung mehrerer in einander greifender, sich dynamisch trennender und verbindender, äußerer und innerer Zeit- und Raumebenen und durch diese hindurch entfalten sich die Präsenzen von drei Figuren. Es sind die Erzählerin, ihre Mutter und die Dichterin Emily Brontë. Die Präsenzen der Mutter und der Erzählerin werden durch den Gedichttext - auf einem Bildschirm ablaufend und in gedruckter Form - transportiert. Die Erzählerin wird zudem durch Klangcollagen (ihrer Visionen) vertreten. Durch Rezitationen ihrer Dichtung ist die tote Dichterin Emily Brontë akustisch präsent. Es sind (Video)bilder einer Landschaft zu sehen und Windklänge zu hören. Der Raum baut sowohl einen Innenraum (Mutters Küche) als auch einen Außenraum (Moorlandschaft, in der die Erzählerin spaziert) auf. Der Besucher hat 65 Minuten lang (das wäre die Sprechdauer von The Glass Essay ) an der Entfaltung der Präsenzen teil, indem er sich zwischen intensiv aufgeladenen Objekten (Tisch mit Stuhl und Lampe in der Küche der Mutter und ein Buch mit Brontës Dichtung) aufhält. Auch Objekte, Räume und Zeiten lassen die Präsenzen der drei Frauen entstehen.
Was sich während der Inszenierung herauskristallisiert, ist ein geistiges Beziehungsgefüge . Es werden formal und inhaltlich, so Dahlinger, „inszenierte Grenzen, die gleichzeitig auch wieder aufgehoben werden“ thematisiert. Essenz und Dichte des Menschlichen in Bezug auf Eros, Leben und Tod werden durch die sichtbar, hörbar und haptisch erlebbar gemachte Poesie transportiert. Die Inszenierung kann sich entfalten, weil die menschlichen Körper als Synonyme des Vergänglichen aus ihr entfernt wurden. Die Auflösung der Sinnenwelt und die formale Abstraktion und Reduktion in der Erscheinungsweise des Stücks spiegelt nach Dahlingers eigener Aussage ferner den scheinbar wissenschaftlich reflektierenden Aspekt, die „Anti-Fiction“, in The Glass Essay wider. Dieser formale Kunstgriff Carsons prägte Looking for Anne im Verlauf der Konzeption. Zu Anfang waren die sich bewegenden menschlichen Körper durchaus ein Teil des Vorhabens genau wie die statischen Objekte. Körper und Objekte konstruierten das räumliche und zeitliche Ineinandergreifen, das der Besucher jetzt erleben kann. Die bewegenden Körper wurden im Verlauf der Proben immer statischer, sie schienen überflüssig zu werden und wurden entfernt. Die übrig gebliebenen Objekte und Medien im inszenierten Raum haben die Präsenzen der Figuren und ihre Ideen verinnerlicht. Es war eine Art „Wegstreichen“, so die Regisseurin, ein Auflösen des Materiellen zugunsten der sich herauskristallisierenden Essenz und Dichte. Allein die Konstruktion von Raum und Zeit sei für den Menschen notwendig, um das Bewusstsein des Vergänglichen und die damit verbundene „Angst als human condition“ darzustellen und zu erleben.
Meines Erachtens wird in Dahlingers Inszenierung ein performatives Moment gerade durch das Nicht-Vorhanden-Sein des menschlichen Körpers konstituiert. Nur so ist es möglich, die vergängliche Sinnenwelt zurücktreten zu lassen zugunsten ihrer geistigen und abstrakten Muster. Eros kann in diesem Kontext durchaus auch im philosophischen Sinne verstanden werden als der „Drang nach philosophischer Erkenntnis durch Aufschwung aus der Sinnenwelt zur wahren Ideenwelt“*.
*Duden, deutsches Universalwörterbuch. Hg. und bearb. von Wissenschaftl. Rat und den Mitarbeitern der Dudenredaktion. 3. völlig neu bearb. und erw. Aufl.. Mannheim et. al.: Dudenverl., 1996.